Freitag, Januar 27, 2017

Batsch!

Meine Probezeit war kurz vor dem Auslaufen. Ich hatte es fast geschafft. Alles sah gut aus, ich hatte keine Ahnung dass es einen Strömungsabriss geben würde. Ich klatschte aufs Gesicht, wie ein Pfannkuchen der aus der Pfanne fällt. Batsch!

Was für eine beschämende Situation.

Mir wurde mitgeteilt dass mein Umgang mit Regeln (Regeln sind Verhandlungssache und sollten nach Sinnhaftigkeit hinterfragt werden) und meine Kommunikation (Wenn du ein Problem mit mir hast, dann komm bitte zu mir) nicht ins Haus passt. Weiterhin würde meine Haltung das Team, welches seit 7 Jahren von meiner Leitungskollegin aufgebaut wurde, zerreißen. Ich würde sie nicht, in ihrem Sinne, vertreten. Mensch wird nun davon ausgehen, dass ich eingeweiht wurde, angeleitet oder sinnvoll begleitet, um ihren Weg zu lernen. Nein, das fand nicht statt. Ich begann einfach. Denn in den ersten Monaten waren andere Maßnahmen wichtiger. Ein Familienzentrum sollte entstehen. Dahinter musste alles andere zurückstehen.
Meine Vorerfahrung?
Ich leitete jahrelang ein kleines Team von drei Leuten. Überschaubar und sehr direkt. Kein Verstecken in der Masse. Hier hatte ich nun 20 Menschen unter mir, verteilt auf zwei Etagen. Manche von denen sah ich manchmal nur alle zwei Tage.
Als stellvertretende Leitung war ich in Doppelfunktion tätig. Ich war sowohl mit einigen Stunden in der Woche (4-6) in der Leitungsarbeit, was meist administrative Tätigkeiten waren, als auch in der pädagogischen Arbeit (33-35). Auch im Rahmen meiner pädagogischen Tätigkeit erhielt ich keine Einarbeitung und dass in einem Haus mit 130-150 Kindern. Und obwohl es, wie ich später erfuhr, die Praxis des Tandems oder Mentor gibt, bei der ein/e neue/e Kolleg*in eine/n feste/n Kolleg*in als Einarbeitungspartner bekommt. Diese/r Kolleg*in hat dann alle Abläufe zu vermitteln und dafür Sorge zu tragen, dass der/die Neue eingearbeitet wird und einen festen Ansprechpartner hat. Daraus ergaben sich natürlich Missverständnisse, ich musste mir alles selbst erschließen und so blieben mir manche Zusammenhänge verborgen. Aber Missverständnisse kann Mensch aus der Welt räumen, wenn miteinander gesprochen wird und eine gewisse Fehlerfreundlichkeit herrscht. Was für Fehler das waren? Ich legte keine Matten in den Schlafraum, ich machte klassische Musik zum Essen und im Kreativbereich an. Fehler die, aus meiner Perspektive einer kurzen Korrektur bedürfen, dann lacht Mensch darüber und alles geht weiter. Nur Mensch kann nicht darüber lachen wenn Mensch nicht miteinander redet!

Rahmenbedingungen.
Ohne die stets erwähnte Situation in den Kindertagesstätten, über die Maßen, bemühen zu wollen, sollte klar sein, dass knapp 150 Kinder laut sind. Und dass es kaum möglich ist diese Kinder sinnvoll und ihren Bedürfnissen entsprechend zu betreuen, wenn die Branche nicht genügend Fachpersonal hat. Wir waren stets unterbesetzt, selbst in den wenigen Wochen wo niemand Urlaub hatte oder krank war. Der Lärmpegel ist enorm taxierend. Es gab Tage an denen standen Kinder direkt vor mir und ich verstand kein Wort von dem was sie sagten.
Ja, ich kenne die Rahmenbedingungen, ja ich wusste worauf ich mich einlasse. Aber welche Wahl habe ich denn? Die Branche baut und baut und die Fachkräfte kommen nicht nach, weil die Politik nicht dafür sorgt dass wir anständig bezahlt werden. Gerade heute stehen meine Kolleg*innen wieder auf der Straße und sind im Warnstreik. Ich liebe meinen Job und ich möchte nichts anderes machen, bei den vorhandenen Rahmenbedingungen muss ich aber auch an mich denken und der Gedanke dass ich irgendetwas anderes machen würde, wenn ich nur davon leben könnte, kam mir nicht nur einmal.
Zu den Rahmenbedingungen zählen auch die Teambildung und der Umgang der Kollegen miteinander. Meine Leitungskollegin bezeichnete sich selbst gerne als Königin ohne die nichts laufen würde. Eine Form von Geltungsdrang die davon lebt dass ihre Untergebenen stets auf sie angewiesen sind. Dies in Form von Zuwendungen wie Trost oder Motivationsgesprächen, sie nannte es ‚Titti‘. Um diese Aufmerksamkeit der Kollegen zu bekommen und damit eine Berechtigung für ihre Position, verhindert diese Kollegin nachhaltig eine Emanzipation der Menschen in ihrem Haus. Sie unterstützt ein Klima in dem es völlig ok ist sich das Maul hinter dem Rücken anderer zu zerreißen. Ein Klima in dem keine Notwendigkeit besteht etwas daran zu ändern. Denn wenn es weh tut ist Mama da und gibt Titti. Sie verhindert so erfolgreich das Entstehen einer konstruktiven Streitkultur in der es möglich ist sich fachlich auseinanderzusetzen ohne sich persönlich anzugreifen. Jede Kritik, die ich in meiner Zeit in diesem Hause, an Kolleg*innen richtete ,habe ich vorher gut durchdacht und versucht konstruktiv und empathisch zu vermitteln und doch stellte sich im Nachhinein heraus, dass sich alle Kolleg*innen persönlich angegriffen füllten und darüber nicht mehr in der Lage waren, neben ihren Befindlichkeiten auch die inhaltliche Ebene zu sehen. Ich will gar nicht behaupten dass meine Art mit Kritik umzugehen perfekt sei und dass ich keine Fehler machen würde, ich sage nur dass ich mir viele Gedanken darum gemacht habe und glaube empathisch und konstruktiv gewesen zu sein.
Mein Ansatz verfolgt eher das Fördern mündiger Mitarbeiter*innen, die für ihre Interessen und Belange selbst einstehen können. Die in der Lage sind sich selbst zu organisieren und niemanden braucht der ihnen ein OK gibt. Die eine fachliche Diskussion führen können, ohne sich persönlich angegriffen zu fühlen. Erwarte ich da zu viel?

Wieso erzähle ich euch das alles? Naja, wie gesagt, bis letzte Woche war alles super. Zumindest dachte ich das. In der Dienstbesprechung gab ich sogar noch überschwängliches Feedback und erzählte wie wohl ich mich fühlte. Niemand widersprach mir oder schien auch nur eine Sorge zu haben. Ist ja auch kein Wunder. Denn sie machten das hinter meinem Rücken, sie sprachen untereinander und mit meiner Leitungskollegin. Nur nicht mit mir. Und so kam es dann, dass ich aus der Pfanne fiel. Viele kleine Missverständnisse hatten sich im Laufe der Zeit zu dicken Schneebällen aufgerollt. Inhalte die ich gerne besprochen hätte, hatten sich über Wochen zu großer Frustration angestaut und die entlud sich nun. Leider dürfte ich dazu nicht mehr Stellung beziehen. Meine Leitungskollegin veranstaltete eine Teamsitzung in der es um meine Personalie ging. Dort hatten, zum wiederholten Male, all jene eine Chance, hinter meinem Rücken, über mich zu reden.
Am nächsten Morgen fuhr ich in die Einrichtung und mir wurde mitgeteilt dass ich in Zukunft nicht mehr dort arbeiten werde. Ich habe nicht erfahren was mir konkret vorgeworfen wurde, ich bekam keine Chance mich gegen diese Vorwürfe zu verteidigen. Ich wurde fallen gelassen.
Nun frage ich mich:“Was soll ich nur daraus lernen?“ Da mir genauere Vorwürfe nicht bekannt sind, laufe ich Gefahr die selben Fehler wieder zu begehen.Sicherlich macht es mich argwöhnischer maulfaulen Kolleg*innen gegenüber. Vom Leiten habe ich gerade die Schnauze gestrichen voll.
Nun sehe ich mich nach einer neuen Stelle um, wieder etwas gelernt und wieder etwas abgegessener.



Kommentare:

Alfe hat gesagt…

Ich verstehe Deine Gedankenkaskade, ihren Verlauf und warum Du sie hast. Ich denke aber Du hast selbst schon für Dich entschieden, dass es in dem Laden eine Menge Probleme gibt und er mit seiner verknorksten Kommunikationskultur nicht zu Dir passt. Dann schau nach vorne und sieh eine Trennung als guten Schritt, egal von wem sie ausgeht. Ich bin sicher, dass es auch Einrichtungen mit anderer Kultur gibt. Das ist kein grundsätzliches Problem Deines Berufs.

Und erinnere Dich an das, was ich vor einem halben Jahr immer wieder gesagt habe: "Ja, aber … Westend??"

Kopfsalat hat gesagt…

Da hast du Recht und ich bin auch schon voll in dem Prozess. Bewerbungen sind raus. Ein kurzes Innehalten und Verschnaufen muss aber sein, damit eine halbwegs nützliche Reflektion passieren kann. Ob das ganze jetzt mit Westend zu tun hat, das weiß ich nicht...