Donnerstag, August 19, 2010

Back im Dreck

Zwei Tage lebte ich in Kreuzberg, da haben sie mir mein Rad geklaut. Jahrelang hatte ich das gute Stück immer mit in die Wohnung genommen und war so den gemeinen Dieb aus dem Weg gegangen. Nun ist es weg. Ich will den monetären Wert des Rades gar nicht geringschätzen, aber bei all den Dingen die ich mit dem Rad erlebt habe, ist der monetäre Wert der geringste. Lebe dann wohl Fahrrad, möge sich jemand anders seinen Arsch auf deinem beinharten Sattel verbeulen.

Letzten Freitag bin ich also nach Kreuzberg gezogen. Am Tag des Umzugs regnete es, passend zu meiner Stimmung, in Strömen. Es dauerte nicht lange da waren alle Beteiligten klitschnass. Es ist keine Freude von einer großen Wohnung in ein Zimmer einer WG umzuziehen. Und nun hocke ich hier in Kreuzberg, noch nicht ganz da. Noch erscheint alles unwirklich. Anfang der 2000er lebte ich ein paar Jahre in Neukölln nahe der Boddinstrasse. Heute frage ich mich wie ich es da ausgehalten habe. Die Armut und Hoffnungslosigkeit der Leute auf den Straßen ist nicht zu übersehen, es fällt mir schwer das Bergmannkiez als hippes-alternatives Berlin zusehen. Denn überall bricht die Verzweiflung hervor.
Gestern Morgen habe ich auf dem Bahnhof Gneisenaustrasse, gemeinsam mit einem anderen Fahrgast, einen geistig umnachteten Zeitgenossen vom Gleis wieder auf den Bahnsteig geholfen. Was der Mensch dort unten wollte hat er uns nicht gesagt und interessiert hat es uns auch nicht wirklich, denn als wir sahen dass die U-Bahn in einer Minute kommt, musste gehandelt werden. Ich will nicht zu spät zur Arbeit kommen nur weil der sein Leben satt hat. Auf dem Hermannplatz steht eine große Gruppe Männer und brüllen sich gegenseitig ins Gesicht. Der eine links von mir schreit:“Jibt glei‘ eene uff die zwölf und dann is Fasching!!“ Ich gehe an den Sicherheitsspinnern vorbei, will weg sein wenn Fasching ist, bin nämlich nicht verkleidet. Dem Tageslicht wieder angesichtig drängel ich mich auf dem Hermannplatz an der Horde Arbeitsloser am Eingang vorbei und überquere vor McDonalds die Straße. Ich stolpere und falle fast vor einen heranfahrenden, tiefer gelegten Golf. Nur meine katzenartigen Reflexe verhindern die Katastrophe.
Nach den Jahren in Steglitz und Charlottenburg bin ich wohl zu verwöhnt um mich in Kreuzberg gleich wohlfühlen zu können. Dort war alles Rolltreppe, hier ist alles versiffte Granitstufen des U-Bahnhofs.
Berlin, ich hasse dich von ganzen Herzen.