Was für ein Abend. Seit Stunden habe ich mich mit meiner Schwester gestritten. Alle Facetten menschlicher Ausdruckskraft wurden zum Einsatz gebracht. Man nenne mich völlig vergletschert, aber trotz Tränen und Geschrei bin ich kaum in der Lage meiner Schwester das zu geben was sie gerne von mir hätte. Was auch immer das genau ist.
Doch für mich fühlt es sich so an als erwarte sie von mir das ich grundlegende Dinge, die für mich ganz selbstverständlich sind, laut ausspreche. Doch dagegen wehre ich mich, ich kann das nicht. Es ist mir zuwider solche Dinge zu sagen, vor allem weil sie mich dann verpflichten. Ich will mich nicht verpflichten lassen. Ich will da sein dürfen, ich will sie sehen wenn ich Lust habe, ich will mitten in der Nacht angerufen werden weil es einen Notfall gibt. Versteht mich nicht falsch, ich wünsche mir keinen Notfall und inshallah wird das auch nicht passieren.
Ich wünsche mir ein Teil der Familie zu sein. Doch sie sagt ganz oder gar nicht.
Nun hat sie mich abgeschossen, hat gesagt das sie mich eine Zeit nicht sehen will. Und damit meint sie sicherlich nicht ein paar Tage bis die Wut verflogen ist. Als ob das irgendetwas besser machen würde.
Ich habe mit etwa 14 das Elternhaus verlassen, bin vor meiner Mutter in ein Kinderheim geflohen. Meine Schwester zog etwa ein Jahr später aus, sie zog zu ihrem Vater und kam vom Regen in die Scheisse. Im Endeffekt landete sie dann auch in der staatlichen Erziehungsgeschichte. Ich traf sie nach meinem Auszug erst über 10 Jahre später wieder, ich hatte nie versucht den Kontakt zu ihr zu etablieren, da ich durch die Indoktrination unserer Mutter einen Hass auf den Vater meiner Schwester hatte und sie dafür verachtete das sie zum Feind unserer Mutter gezogen war. Jetzt weiss ich über die Zusammenhänge besser Bescheid und kann nicht sagen das sich meine Meinung über ihren Vater grundlegend verbessert hätte.
Als ich sie traf war sie ein völlig fremde Person für mich, sie hatte ihre erste Tochter damals noch recht frisch, naja zumindest waren Windeln noch im Spiel. Sie war noch mit dem Vater der Kinder zusammen. Das zweite Kind kam etwa ein Jahr nachdem wir wieder miteinander den Kontakt etabliert hatten, ich erfuhr davon in einer Telefonzelle an der Ostseestrasse. Sie war ganz kleinlaut als sie mir davon erzählte, wusste wohl nicht was ich dazu sagen würde.
Heute gehen beide Mädchen zur Schule. Die Grosse hat sich zum Geburtstag eine Gitarre gewünscht und ich habe vor kurzem damit angefangen ihr die ersten Kenntnisse zu vermitteln. Sie ist sehr lernbegierig und eifrig und fasst das theoretische Wissen schnell auf.
Die Kleine ist das Trüffelschwein, wenn sie Ü-Eier aussucht, kann man bei zwei von drei Fällen davon ausgehen das sie eine coole Figur aus der jeweiligen Serie erwischt. Sie will Popstar werden.
Unser Streit, also ich der Initialstreit für diese Katastrophe fand vor einigen, ich denke zwei oder drei, Monaten statt. Ich weiss nicht mehr wie es genau war, ich glaube mich zu erinnern, daß ich das Gefühl gehabt hatte das sie meine Loyalität zur Familie und besonders unserer Mutter anzweifeln würde und sie mir vorwarf ich sei unaufrichtig. Das ist für mich nicht leicht sowas zu hören, wer hört sowas schon gerne. Ich ging ziemlich an die Decke und als ich sie am nächsten Tag sah, hatte ich die Hoffnung das klären zu können. Leider nahm meine Schwester ihre Kinder mit zu einem gemeinsamen Krankenhausbesuch unserer Mutter und ich bekam keine Gelegenheit mit ihr zu sprechen. Außerdem empfand ich die Anwesenheit der Kinder als Schutzschild für meine Schwester. Sie benutze sie als menschliche Schutzschilde gegen meinen Zorn. Ich würde niemals behaupten das sie das bewusst tun würde, dafür liebt sie die beiden viel zu sehr, aber in diesem Moment habe ich es leider so gedeutet.
Ich bin richtig ausgerastet.
Ich habe mich völlig vergessen.
Ich habe sie vor unserer Mutter und in Hörreichweite der Kids derbst angegriffen und beleidigt, ich habe Dinge zu ihr gesagt für die ich mich heute zutiefst schäme, die ich aber nicht ungesagt machen kann. Ich kann nicht mal sagen ich war besoffen, nein, ich war einfach nur stinkend wütend und verletzt.
Danach haben wir uns, auf Wunsch unserer Mutter, wieder zusammengerauft. Mir war zu dem Zeitpunkt nicht klar was ich ihr angetan hatte. Und erst heute bekomme ich langsam einen Eindruck wie sehr ich ihr weh getan habe. Ich habe ihr meine hässlichste Seite gezeigt, habe die Scheissmaske runtergenommen und sie ins Antlitz meiner kranken Seele blicken lassen.
Und jetzt weiss sie was hinter der Maske liegt. Auch wenn ich sie noch hundert mal umd Entschuldigung bitten würde. Und auch wenn sie mich entschuldigen würde. Ich kann das nie vergessen machen, sie kennt nun das was hinter der Maske aus überlegenem, pseudointellektuellen Gehabe, Sarkasmus und lautem Verlachen von Allem steckt.
Ich habe mich nicht bei ihr entschuldigt, erst als sie mich dazu aufforderte holte ich es nach. Sie empfand das nicht als aufrichtig und wenn sie das so empfindet dann war es wohl so, denn ich selbst kann es nicht ermessen, denn sie ist verletzt. Ich werde die Schuld wohl solange zahlen bis sie sagt es sein nun gut, anders kann das nun einmal nicht aus der Welt geschafft werden.
Nun ja, sie hat mich nun ausgeschlossen, für ihren Geburtstag hat sie mich ausgeladen. Sie hat gesagt sie hofft das ich eine Lektion lerne. Sie sagt sie hofft das ich begreife was ich hatte, wenn ich es nicht mehr habe. Ich habe ihr gesagt das ich diese Lektion nicht brauche, das ich jetzt schon weiss was ich vermissen würde.
Nämlich unsere guten Zeiten, die langen Gespräche über unser Elternhaus, über die Dinge die uns seither zeichnen, die Dinge die nur wir beide teilen. Unsere Freude an den selben Comics aus Nicht Lustig (DUM?). Unser bedingungsloser Zusammenhalt gegen Stress von aussen. Ihre klare, aufbrausende Art gegen Unrecht weltweit, etwas das mir immer wieder Angst macht, weil mir dadurch deutlich wird wie gleichgültig ich der Welt gegenüber stehe und wie abgestumpft ich bin. Es geht doch nur noch um mich und alles dreht sich am besten um meinen eigenen, tiefen Bauchnabel. Seltsam was ich da manchmal drin finde.
Die bedingungslose Liebe die sie ihren Mädchen entgegen bringt, wie sie sich selbst völlig hingibt um die beiden glücklich zu machen. Ich glaube nicht das ich jemals soviel Liebe für irgendjemanden aufbringen kann, nicht mal für mich.
Nun. Egal was kommt und egal was war. Sie ist und bleibt meine Schwester.
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